Das einhunderteinundfünfzigjährige Bestehen des Chorale du Brassus

Es war einmal...

So beginnen die schönsten Erzählungen unserer Kindheit, die, die man sich in der Familie oder unter Freunden am Tisch erzählt, Erinnerungen, Geschichten, Anekdoten, Bilder, die die Poesie der Leute und der Orte darstellen, ihre Wahrheit.

Also - es war einmal...

Die Geschichte geschieht im Oktober 1951. Als der Regionalzug, der seine Passagiere nach Le Brassus brachte, am linken Ufer des Lac de Joux vorbeifuhr, öffnete ich ungeduldig das Fenster des Waggons.

Es war schon Nacht, und eine frische Brise wehte mir ins Gesicht.

"- Da ist es also, dieses legendäre Tal der Sänger, diese Gegend der schönen Stimmen."

Zögernden Schrittes begab ich mich zum Probeort für das erste Treffen - ich müsste sagen, die "erste Prüfung" zwischen den Sängern des CHORALE DU BRASSUS und ihrem neuen Leiter, der fast noch ein Junge war!

Was mich beeindruckte, war die Würde der Haltung und ihrer eigentlich schlichten Kleidung, die aufmerksame Stille der sechzig Männer und dieser nach innen gerichtete Blick, wie eine Frage, auf die vielleicht nur der Gesang aller eine Antwort geben konnte.

Dies war mein erster unvergänglicher Eindruck.

Es war einmal...

eine Legende, und diese ist langlebig, denn sie hat heute noch Bestand! Das gesunde und abwechslungsreiche Klima, die reine Luft der Combe, der Duft der Sträuchler und der Tannen und - dies ist zumindest die Auffassung unseres Freundes Jean Villard GILLES - die Ruhe der Leute und des Orts erklären das Mysterium und den Reichtum der kolorierten Timbres dieser unverwechselbaren Stimmen!

Misstrauen wir diesen oft gehörten Behauptungen. Und doch habe ich häufig bemerkt, dass ein Besucher von der Ebene, der ins Tal kam, um zu singen, nach dem Ueberschreiten von Pétrafélix und des Pré de Bière zu einem Bewohner von Combe im Geist, im Herzen und vor allem im Hinblick auf die Stimme wird.

Die Stimme kommt zu dem, der unermüdlich singt.

Die Arbeit formt das Werkzeug. Der erste Gesang ist

das Kirchenlied. Der Psalm, dann der Choral, die aus Frankreich und Deutschland importiert wurden, haben in diesem protestantischen Tal einen Höhepunkt erlebt. Der Psalter wird zum Familienbuch, eine Art Taschenbuch. Man sang täglich unisono diese robusten Melodien, die man an den Abenden unter der Woche wiederholte, manchmal zusammen mit Blechblasinstrumenten, um die Vokaltechnik und die Interpretation für den sonntäglichen Gottesdienst zu perfektionieren.

Ich bin überzeugt davon, dass dieses geduldige Ueben, welches täglich wiederholt wurde, zu einem grossen Teil diesen angeborenen Sinn für die Chormusik erklärt, den die Kinder dieser Generation ererbt haben und den sie an ihre Nachkommen weitergegeben haben, von einer Generation zur anderen. Fügen wir zu dieser ständigen Anforderung des kontrollierten schönen Gesangs den natürlichen oder geduldig erworbenen Sinn für handwerkliche Präzision und die künstlerische Perfektion des Uhrmachers, die Schaffung, die Erfindung von neuen "Designs", das Entdecken von unveröffentlichen Material und die Umsetzung der Fertigkeiten hinzu, und wir haben verstanden, dass die Sänger, Musiker und Uhrmacher wahrscheinlich die wahren Gründer der ersten Chöre des "Vallée de Joux" sind.

 

Es war einmal...

Es war wirklich "vor langer Zeit", nämlich 1849, vor anderthalb Jahrhunderten. Obwohl dies durch keine offizielle Urkunde erwähnt wird - es gab einfach keine -, gründeten fünfundzwanzig Sänger dieses Teils des Sees die SOCIETE CHORALE DU BRASSUS.

Was bewegt die Menschen, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt regelmässig zu treffen, um die patriotischen und religiösen Lieder im Chor zu singen?

Die Abgeschiedenheit einer in sich ruhenden Gegend, die im Winter häufig sehr kalt ist - oder es zumindest zu dieser Zeit war - führt ganz natürlich dazu, dass die Einwohner gemeinsam gegen die Elemente kämpfen, gegen die Einsamkeit und die Schwierigkeit, zu reisen... Es geht um das Ueberleben einer Region.

Es entstehen kleine Gemeinschaften in den Dörfern, wo man je nach Geschmack und Neigung die Künste fördert: Theater, Poesie, Malerei, Instrumental- und Choralmusik und Blaskapellen.

 

Es war einmal...

ein Musiker in Le Brassus, welcher Alphonse CAPT hiess und der erste Leiter des CHORALE DU BRASSUS war. Seine Nachfolger tragen Namen, die an die Farben und die Musik des Tals erinnern: PIGUET, AUDEMARS, MEYLAN, CAPT...Es gibt jedoch zwei Ausnahmen im zwanzigsten Jahrhundert: MERMOUD und CHARLET, die von der Ebene kamen: kaum zu glauben!

Der erste Männerchorgesang bei uns gehorcht zuerst den patriotischen, moralischen, religiösen und sogar politischen Anforderungen.

Die akademische Jugend dieser Zeit - d.h. die Studenten - träumte von einem starken Vaterland, vereint im Inneren, frei und stolz gegenüber dem Ausland. Für sie war der gemeinsame Männergesang das einfachste und direkte Mittel, um ihr patriotisches Ideal zum Ausdruck zu bringen. Die Schweiz existiert, lieben wir sie und drücken wir unseren Respekt, unsere Bewunderung und unsere Dankbarkeit gegenüber diesem Land durch unseren Gesang aus. Ein erstaunliches Phänomen!

Sofort entstehen überall im Land, ausgehend von der deutschen Schweiz, eine Reihe von kleinen und grossen Männergesangvereinen. Seit einem Jahrhundert erlebt diese Institution ihr "goldenes Zeitalter".

 

Es war einmal...

ein schönes, von Bergen gesäumtes Tal mit seinem legendären See, mit 6500 Einwohnern, das zumindest für anderthalb Jahrhunderte ein beneidetes Reservoir von Männerchören im Kanton Waadt und sogar in der Schweiz war. Früher einmal gab es acht Chöre, wovon heute noch drei übrig geblieben sind.

Bei dieser historischen Entwicklung ist es wichtig, die grosse Rolle zu betonen, die zwei Dachorganisationen gespielt haben: die SOCIETE FEDERALE DE CHANT, die 1842 in Aarau gegründet wurde und vor allem die SOCIETE CANTONALE DES CHANTEURS VAUDOIS, die ab 1853 eine vielversprechende Begeisterung bei den Männerchören weckte, vor

allem im Tal.

 

Es war einmal...

ein Chor, der sich wie auch andere den Schwierigkeiten gegenübersieht, die eine solche Gemeinschaft erlebt: kann man die Probleme ermessen, die für die Männerchöre durch die Krisen und die Kriege entstanden, von 1870, 14-18 und 39-45? Bei jedem Konflikt verlassen die Männer ihre Arbeit, ihre Familien, die Reihen der Sänger, um die Uniform anzulegen. Die Gesellschaften müssen ihre Armeen auffüllen, um tödliche Gefahren abzuwehren.

Der schnelle Wandel der Mentalitäten, die Auftauchen von Zerstreuungen und Kunst, welche durch das Radio und das Fernsehen allen zur Verfügung stehen, der überall vertretene und verlockende Sport, die Welle der für alle erschwinglichen Reisen und Urlaubsfahrten, der finanzielle Aufschwung, die Zunahme der Konzerte, der Veranstaltungen, die fast tägliche Gründung von neuen kleinen gemischten Chören, die häufig nicht lange bestehen, jedoch viele Sänger abziehen, die Schallplatte und dann die CD, die dem Publikum und den Sängern neue und belebende Chorrepertoires vermitteln: vorbei sind die alten Lieder von der Treue zur Heimat, vorbei die sentimentalen Kantilenen, vorbei das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Vergangenheit, all dies hätte zum fast vollständigen Verschwinden der Männerchöre führen können.

Aber nicht alle haben den verführerischen Sirenenklängen der Bequemlichkeit, der schnellen und flüchtigen Genüsse nachgegeben. Es gibt Männer, die sich nicht durch die Anstrengungen des Chorgesangs, die Phantasie und die künstlerischen Anforderungen entmutigen lassen, im Gegenteil!

Ich wüsste nicht, dass der fordernde Wille eines Chorleiters und seines Komitees wahre Sänger und wahre Musiker jemals geängstigt hätte.

Der Männerchor, der, bei uns, lange Zeit hindurch sozusagen beunruhigende Aufenthalte in der Wüste durchstehen musste, erholt sich jetzt langsam wieder von seiner zu langen Abstinenz von Konzerten und Kirchenkonzerten. Wir freuen uns darüber und der CHORALE DU BRASSUS, der nicht mehr als ein anderer ist, der vor den Schwierigkeiten geschützt wird, denen ein Männerchor ausgesetzt ist, möchte die Freude der neu Gewählten teilen, er möchte helfen und ihre beispielhaften Bemühungen unterstützen.

Damit ein Männerchor lebt und den richtigen Kurs hält, hat die Erfahrung uns gezeigt, dass man sich immer daran erinnern muss, dass der Chor ein wunderschöner gemeinsamer Traum ist, in dem alle Sänger schön beisammen, glücklich und stolz darauf sein möchten,

zu einer leistungsfähigen Gruppe mit brüderlichem Zusammengehörigkeitsgefühl und Zuneigung untereinander zu gehören. Die Mitglieder des Chores haben dieses Miteinander, diese Anforderung, dieses gegenseitige Verständnis untereinander nötig, was den Leiter mit seinem Vorsitzenden und mit seinem Komitee verbindet. Energie, Phantasie, viel Demut gegenüber der Musik und den Musikern und schliesslich das Verantwortungsbewusstsein, ein Repertoire der besten Qualität auszuwählen, das den Sängern liegt, eine Musik, die sie bereichert und ihnen die von der Literatur für Männerstimmen oft verborgenen gehaltenen Schönheiten eröffnet, das sind einige Ideale, von denen ich oft ganz hellwach träume, wie Sie alle...

André Charlet